Sonntag, 22. März 2015

Reparatur eines nagelneuen Kofferradios


Eine wahre Anekdote aus dem Jahr 1987



Dieter der Fördermaschinist war ein guter Kumpel. Sein größter Stolz war sein neues Transistor-Kofferradio. Mit leichter Musik im Hintergrund machte ihm die Arbeit doppelten Spaß. Eines Tages rief er mich ganz traurig an und erklärte mir, dass sein Radio keinen Pieps mehr mache. Er würde sich freuen wenn jemand mal danach sehen könnte. Ich fuhr also mit Nico dem Vorarbeiter (ein Elektronikgenie) hoch zur Fördermaschinenbühne. Wir überprüften das Kofferradio und wackelten mal am Kabel, aber das Ding gab keinen Ton ab. Also nahmen wir das Gerät mit zur Werkstatt, nicht ohne vorher Dieter zu versichern „dat kriegen wir schon widder am laufen“.



Nachdem wir das Radio aufgeschraubt hatten konnten wir den Fehler sofort sehen. Am Netzteil war ein Draht abgegangen (kalte Lötstelle). Nico lötete den Draht neu ein und als wir das Gerät eingesteckt hatten waren alle Funktionen wieder da.



Ich bemerkte ein mir nicht fremdes Grinsen bei Nico (das bekannte Schabernackgrinsen) als er emsig in seiner Werkbank-Schublade etwas suchte. Ich war sehr erstaunt als er mit einigen Widerständen, Dioden und Transistoren zurück zum Gerät kam. „Was ist los Nico? Das Gerät ist doch wieder in Ordnung“ fragte ich ihn erstaunt. Nicos Antwort war „ja schon, aber ein paar Bauteile mehr können doch nicht schaden“. Interessiert beobachtete ich wie Nico mehrere Bauteile (alle mit den Anschlussbeinchen auf der Masseleitung, also ohne jegliche Funktion) einlötete. Anschließend schraubte er den Deckel des Gerätes mit nur einer Schraube an. „frag nichts“ sagte er „es ist schon alles in Ordnung“.



Zusammen fuhren wir wieder hoch zur Fördermaschinenbühne. Nico steckte das Radio in die Steckdose der Fördermaschinen-kabine ein und es erklang sogleich ein uralter Schlager (ich glaube es waren die Caprifischer). Glücklich bedankte sich Dieter und stellte dann die Frage, auf die Nico nur gewartet hatte. „Wat war denn dran?“ Nico zog das Kabel aus der Steckdose und öffnete den Deckel des Gerätes. „Hier am Netzteil hatte sich ein Draht ausgelötet“ erklärte er Dieter. Dann sagte er „ich habe aber auch festgestellt das in dem Radio einige Bauteile zu viel sind“. Dann zog er seinen Saitenschneider aus der Tasche und schnitt vor den Augen des verblüfften Maschinisten einige elektrische Bauteile ab und legte sie anschließend auf den Tisch. Dann schraubte er in aller Seelenruhe das Radio (jetzt mit allen Schrauben) wieder zu.



Dieter war nahe an einem Herzinfarkt. Das einzige was er noch flüstern konnte war „bist du wirklich sicher, dass die Bauteile zu viel waren?“ Nico erwiederte nichts, sondern er nahm das Radio und steckte es wieder ein. Sofort war die angenehme Stimme der Radiosprecherin zu hören. „Ich sagte dir doch, da sind einige Bauteile zu viel“ sagte Nico.



Noch immer nicht ganz überzeugt stellte Dieter verschiedene Sender ein und drehte die Lautstärke kurz einmal rauf und runter. Er konnte nicht fassen, dass das Gerät einwandfrei funktionierte. Schnell verabschiedeten wir uns von Dieter und stiegen in den Personenaufzug. Nachdem wir 5 sec gefahren waren platzten wir beide vor Lachen aus. Die Story zog natürlich Kreise und war eine Woche lang das Thema Nummer 1.



Als die Kollegen Dieter über die wahren Hintergründe aufklärten musste selbst er herzhaft lachen.

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