Anekdote 10 Emil Mayrisch
„Mordanschlag im Morgengrauen“
6:25 Uhr, die Frühschicht auf Emil Mayrisch war noch sehr
jung. Es war ein triester Herbsttag. Die Frühnebel schlängelten sich in
Schlieren um die hohen Mastleuchten an der Verladestelle vor der Wäsche. Hans,
der Wäscheelektriker, öffnete eines der Fenster im Schaltraum und sah noch
etwas verschlafen dem Treiben der Loks auf den Schienensträngen zu. Nach einer
Weile schweifte sein Blick auf die ungefähr 30m gegenüber liegende
Schlosserwerkstatt. Die Fenster der Werkstatt zeigten noch ein gedämpftes Licht
und es war auch nicht das obligatorische Flackern, der durch die
Schweißmaschinen erzeugten Blitze, zu sehen. „Die haben wohl heute keine Lust“,
dachte Hans.
Auf dem Tisch sah er zufällig 3 defekte Schmelzsicherungseinsätze
25A liegen. In diesem Moment fasste Hans einen folgenschweren Entschluss. Er
wollte die Schlosser nur ein wenig erschrecken damit sie in die Gänge kämen. Er
griff nach einem der Schmelzeinsätze, ging zum Fenster, zielte und warf die
Sicherung in Richtung Fenster der Schlosserwerkstatt.
Ortswechsel:
Gegen 6:25 Uhr öffnete der Schlossersteiger Günter die Türe
zur Werkstatt. „Wieso ist das hier so dunkel und warum sitzt ihr alle noch hier
herum?“ lautete seine Begrüßung. „Glück auf Steiger, es funktioniert nur noch
eine Lampe und wir haben auch keine Spannung auf den Schweißgeräten“, stellte
der Vorarbeiter Karl-Heinz klar. „Habt ihr die Elektriker scho.........“.
Rumms........., plötzlich gab es einen lauten Schlag
der von einem seltsamen Klirren begleitet wurde. Der Schlosser der direkt neben
dem Fenster stand hatte sich der Länge nach auf den Boden geworfen und auch
allen anderen stand der Schreck im Gesicht. Durch ein faustgroßes Loch strömte
kalte Luft in die Werkstatt. Vorsichtig näherten sich einige Schlosser dem
defekten Fenster und versuchten draußen etwas zu erkennen. „Licht aus“, ertönte
die Stimme des Steigers und einen Moment später erlosch das Licht. Außer dem
normalen Schienenverkehr war draußen keinerlei Bewegung feststellbar.
Etwa im gleichen Moment klingelte im Schaltraum Wäsche das
Telefon. Hans befürchtete, dass er bei seinem „Anschlag“ beobachtet worden war
und ließ es zunächst einmal klingeln. Der Anrufer verfügte jedoch über ein
hartnäckiges Maß an Geduld so das Hans
schließlich doch abhob. „Hallo Hans“, hörte er seinen Steiger sagen „der
Siebereielektriker hat zur Zeit eine Störung in der Beschickung, deshalb wäre
es gut wenn du mal kurz zur Schlosserwerkstatt gehen könntest, die haben keine
Spannung“. „Ja, mache ich sofort“, sagte Hans und hängte ein. Mit
Werkzeugtasche und Meßgerät machte er sich auf den Weg zum Ort des „Anschlags“.
Als er die Schlosserwerkstatt betrat waren die Schlosser
gerade in einer erregten Diskussion. Hans grüßte kurz und ging zum Sicherungsverteiler.
Direkt neben dem Sicherungsverteiler auf dem Boden erblickte er „seine
25A-Sicherung“. Da die Schlosser nicht auf ihn achteten hob er sie auf und
steckte sie in die Tasche.
„Das war eindeutig ein Schuss“, sagte einer der Schlosser.
„Quatsch doch nicht so einen Blödsinn“, erwiderte prompt ein anderer Kollege.
„Wie sonst erklärst du dir denn das Loch in Scheibe“? wurde direkt gefragt.
„Solange die Sache nicht geklärt ist, arbeite ich hier keine Sekunde mehr“,
ließ sich ein Dritter hören. Der Steiger stand ziemlich unter Druck seiner
ängstlichen Mitarbeiter. Inzwischen hatte Hans neue Sicherungen eingedreht und
das Licht wieder eingeschaltet. Sein ganzes Denken drehte sich nun um das
gehörte und er beschloss einige Vorschläge zu machen, damit die Schlosser den
Gedanken an einen Schuss aufgeben würden. „Also Leute, ich habe Teile eures
Gespräches zwangsläufig mitbekommen. Wenn hier wirklich geschossen wurde muss
ja das Projektil hier in der Werkstatt zu finden sein“. Der Steiger sprang auf
diese Bemerkung sofort an und wies sein Leute an, mit der Suche nach dem Geschoss zu beginnen. Unter
Berücksichtigung möglicher Schusswinkel wurden die entsprechenden Stellen genau
in Augenschein genommen. Aber selbst nach gründlicher Suche konnte kein
Projektil gefunden werden. Hans versuchte eine Erklärung zu liefern, dass z.B.
ein Stein der auf den Schienen lag von einem vorbeifahrenden Zug unglücklich in
Richtung Fenster befördert wurde und dann vom Fenster abgeprallt sei. Die
Schlosser entgegneten jedoch, „dann müßte der Stein ja in der Werkstatt liegen,
weil er das Fenster durchschlagen hat“. Die Situation war für Hans nicht mehr
zu retten. Selbst nach längerer Diskussion verlangten die Schlosser von ihrem
Steiger, dass er den Sicherheitsdienst oder sogar die Polizei über den Anschlag
verständigen müsse. Mit diesem „Auftrag“ verließ der Steiger die Werkstatt in
Richtung Büro.
Reumütig und schweren Herzens kehrte Hans in den Schaltraum
zurück und rief nun seinen Steiger an. Er schilderte ihm kurz die wahren Begebenheiten
und bat ihn den Schlossersteiger von seinem Vorhaben abzubringen. Der
Elektrosteiger klärte den Fall bei seinem Steigerkollegen auf und bat ihn, die
Sache nicht an die große Glocke zu hängen.
Am Ende der Schicht hatte Hans dann noch ein eindringliches
Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Die Schlosser wurden informiert, dass der
Fall geklärt wurde und es sich nicht um einen Mordanschlag handelte. Mit dieser
vorläufigen Erklärung mussten sie sich eine Woche lang zufrieden geben (damit
ihre Wut abklingen konnte).
Als Hans eine Woche später auf der Mittagschicht die
Schlosser zum Grillen eingeladen hatte und ihnen bei dieser Gelegenheit die
Wahrheit erzählte konnten schon wieder alle über den Vorfall lachen.
Mittlerweile war auch die defekte Scheibe durch eine neue ersetzt worden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen