Dienstag, 24. März 2015

Mordanschlag im Morgengrauen. Wenn der Streich nach hinten los geht.


Anekdote 10 Emil Mayrisch  „Mordanschlag im Morgengrauen“

6:25 Uhr, die Frühschicht auf Emil Mayrisch war noch sehr jung. Es war ein triester Herbsttag. Die Frühnebel schlängelten sich in Schlieren um die hohen Mastleuchten an der Verladestelle vor der Wäsche. Hans, der Wäscheelektriker, öffnete eines der Fenster im Schaltraum und sah noch etwas verschlafen dem Treiben der Loks auf den Schienensträngen zu. Nach einer Weile schweifte sein Blick auf die ungefähr 30m gegenüber liegende Schlosserwerkstatt. Die Fenster der Werkstatt zeigten noch ein gedämpftes Licht und es war auch nicht das obligatorische Flackern, der durch die Schweißmaschinen erzeugten Blitze, zu sehen. „Die haben wohl heute keine Lust“, dachte Hans.
Auf dem Tisch sah er zufällig 3 defekte Schmelzsicherungseinsätze 25A liegen. In diesem Moment fasste Hans einen folgenschweren Entschluss. Er wollte die Schlosser nur ein wenig erschrecken damit sie in die Gänge kämen. Er griff nach einem der Schmelzeinsätze, ging zum Fenster, zielte und warf die Sicherung in Richtung Fenster der Schlosserwerkstatt.

Ortswechsel:
Gegen 6:25 Uhr öffnete der Schlossersteiger Günter die Türe zur Werkstatt. „Wieso ist das hier so dunkel und warum sitzt ihr alle noch hier herum?“ lautete seine Begrüßung. „Glück auf Steiger, es funktioniert nur noch eine Lampe und wir haben auch keine Spannung auf den Schweißgeräten“, stellte der Vorarbeiter Karl-Heinz klar. „Habt ihr die Elektriker scho.........“.
Rumms........., plötzlich gab es einen lauten Schlag der von einem seltsamen Klirren begleitet wurde. Der Schlosser der direkt neben dem Fenster stand hatte sich der Länge nach auf den Boden geworfen und auch allen anderen stand der Schreck im Gesicht. Durch ein faustgroßes Loch strömte kalte Luft in die Werkstatt. Vorsichtig näherten sich einige Schlosser dem defekten Fenster und versuchten draußen etwas zu erkennen. „Licht aus“, ertönte die Stimme des Steigers und einen Moment später erlosch das Licht. Außer dem normalen Schienenverkehr war draußen keinerlei Bewegung feststellbar.

Etwa im gleichen Moment klingelte im Schaltraum Wäsche das Telefon. Hans befürchtete, dass er bei seinem „Anschlag“ beobachtet worden war und ließ es zunächst einmal klingeln. Der Anrufer verfügte jedoch über ein hartnäckiges Maß an Geduld  so das Hans schließlich doch abhob. „Hallo Hans“, hörte er seinen Steiger sagen „der Siebereielektriker hat zur Zeit eine Störung in der Beschickung, deshalb wäre es gut wenn du mal kurz zur Schlosserwerkstatt gehen könntest, die haben keine Spannung“. „Ja, mache ich sofort“, sagte Hans und hängte ein. Mit Werkzeugtasche und Meßgerät machte er sich auf den Weg zum Ort des „Anschlags“.

Als er die Schlosserwerkstatt betrat waren die Schlosser gerade in einer erregten Diskussion. Hans grüßte kurz und ging zum Sicherungsverteiler. Direkt neben dem Sicherungsverteiler auf dem Boden erblickte er „seine 25A-Sicherung“. Da die Schlosser nicht auf ihn achteten hob er sie auf und steckte sie in die Tasche.
„Das war eindeutig ein Schuss“, sagte einer der Schlosser. „Quatsch doch nicht so einen Blödsinn“, erwiderte prompt ein anderer Kollege. „Wie sonst erklärst du dir denn das Loch in Scheibe“? wurde direkt gefragt. „Solange die Sache nicht geklärt ist, arbeite ich hier keine Sekunde mehr“, ließ sich ein Dritter hören. Der Steiger stand ziemlich unter Druck seiner ängstlichen Mitarbeiter. Inzwischen hatte Hans neue Sicherungen eingedreht und das Licht wieder eingeschaltet. Sein ganzes Denken drehte sich nun um das gehörte und er beschloss einige Vorschläge zu machen, damit die Schlosser den Gedanken an einen Schuss aufgeben würden. „Also Leute, ich habe Teile eures Gespräches zwangsläufig mitbekommen. Wenn hier wirklich geschossen wurde muss ja das Projektil hier in der Werkstatt zu finden sein“. Der Steiger sprang auf diese Bemerkung sofort an und wies sein Leute an, mit der Suche  nach dem Geschoss zu beginnen. Unter Berücksichtigung möglicher Schusswinkel wurden die entsprechenden Stellen genau in Augenschein genommen. Aber selbst nach gründlicher Suche konnte kein Projektil gefunden werden. Hans versuchte eine Erklärung zu liefern, dass z.B. ein Stein der auf den Schienen lag von einem vorbeifahrenden Zug unglücklich in Richtung Fenster befördert wurde und dann vom Fenster abgeprallt sei. Die Schlosser entgegneten jedoch, „dann müßte der Stein ja in der Werkstatt liegen, weil er das Fenster durchschlagen hat“. Die Situation war für Hans nicht mehr zu retten. Selbst nach längerer Diskussion verlangten die Schlosser von ihrem Steiger, dass er den Sicherheitsdienst oder sogar die Polizei über den Anschlag verständigen müsse. Mit diesem „Auftrag“ verließ der Steiger die Werkstatt in Richtung Büro.

Reumütig und schweren Herzens kehrte Hans in den Schaltraum zurück und rief nun seinen Steiger an. Er schilderte ihm kurz die wahren Begebenheiten und bat ihn den Schlossersteiger von seinem Vorhaben abzubringen. Der Elektrosteiger klärte den Fall bei seinem Steigerkollegen auf und bat ihn, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen.
Am Ende der Schicht hatte Hans dann noch ein eindringliches Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Die Schlosser wurden informiert, dass der Fall geklärt wurde und es sich nicht um einen Mordanschlag handelte. Mit dieser vorläufigen Erklärung mussten sie sich eine Woche lang zufrieden geben (damit ihre Wut abklingen konnte).
Als Hans eine Woche später auf der Mittagschicht die Schlosser zum Grillen eingeladen hatte und ihnen bei dieser Gelegenheit die Wahrheit erzählte konnten schon wieder alle über den Vorfall lachen. Mittlerweile war auch die defekte Scheibe durch eine neue ersetzt worden.

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