Mittwoch, 18. März 2015

Karatewahn


Anekdote 2 von Emil Mayrisch (diese Sachen sind alle wirklich genauso abgelaufen)

In den siebziger Jahren waren wir alle von den im Kino vorgestellten Karatefilmen infiziert. Jeder entdeckte in sich einen kleinen Bruce Lee oder Chuck Norris. So war es auch bei den Elektrikern ganz klar, dass nicht nur über die Karatefilme gesprochen sondern dabei tunlichst die zugehörigen Handbewegungen ausgeführt wurden.

Der Alltag hatte uns dann innerhalb der Arbeitszeit aber wieder schnell eingeholt. Die Elektriker Hans und Helmut bekamen an einem dieser Tage den Auftrag in der Lichthalle Leuchtstofflampen auszuwechseln. Kurz erklärt lief der Vorgang folgendermaßen ab: Hans stieg auf die Leiter nahm die Abdeckung der Leuchtstoffröhre ab und reichte sie nach unten wo Helmut sie in Empfang nahm und reinigte. Danach reichte Hans die defekte Leuchtstoffröhre nach unten und Helmut reichte ihm im Gegenzug eine zur Hälfte aus der Verpackung herausragende neue Leuchtstofflampe nach oben. In den nun leeren Verpackungskarton steckte Helmut dann die defekte Leuchtstofflampe und riss die Verpackung ein wenig ein, zum Zeichen das sich darin eine defekte Lampe befand. Zuletzt wurde die Lampenabdeckung dann wieder angebracht.

Später, nach getaner Arbeit wurden die defekten Leuchtstoffröhren dann in einem Container entsorgt. Dabei führte Helmut seine neuen Karatekenntnisse vor. Er bat Hans, die in der Verpackung steckende defekte Lampe weit zwischen seine beiden Hände zu nehmen und schlug dann (natürlich mit Handschuhen) mit seinen neu erworbenen Karateschlägen die Lampe über. Hans beobachtete mit zunehmender Freude die Aktionen des Kollegen.

An diesem Tag ging Hans nicht mit allen anderen zur Stempeluhr sondern verblieb noch ein paar Minuten alleine in der Werkstatt. Er nahm ein 15mm Rundeisen und sägte es in etwa auf die Länge einer Leuchtstoffröhre ab (etwa 4cm kürzer). Danach schob er die Rundeisenstange in einen eingerissenen Verpackungskarton der Leuchtstoffröhren. Er sorgte mit Isolierband und Restkarton dafür, dass sich die Eisenstange im Karton nicht lösen konnte. Erst jetzt ging Hans (zufrieden mit seinen Vorbereitungsarbeiten) zur Stempeluhr.

Am nächsten Tag war in der Pause wieder das Thema Karate angesagt. Hans berichtete in diesem Zusammenhang von den echt gut aussehenden Karateschlägen von Helmut. Nun wollten alle Kollegen sehen ob das denn wirklich so toll aussah. Lächelnd holte Hans seinen präparierten Karton von der Werkbank und forderte Helmut auf „es allen zu zeigen“. 

Mit den entsprechenden asiatischen Lautgeräuschen hob Helmut  zum alles vernichtenden Schlag (Gott sei Dank wieder mit Handschuhen) aus und schlug mit voller Wucht auf den Karton. Ein Mitleid erregendes Wimmern beendete die filmreife Vorführung.
 

Es war zum Glück noch einmal ohne Sani ausgegangen obwohl der blaue Fleck am nächsten Tag unübersehbar war. Die Begeisterung für Karate normalisierte sich sehr schnell bei Helmut. Die Kollegen waren aber noch lange von der Vorführung und ihren Auswirkungen begeistert.


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