Anekdote 8 Emil Mayrisch
Wenn man nicht an alles denkt
Unser Betriebsführer Hans hatte in seinem Büro einen
Linienschreiber eingebaut . Er konnte darauf jederzeit sehen ob die Wäsche
läuft oder nicht. Ein elektrisches Signal vom Aufgabeband wurde über
Telefonkabel in sein Büro übertragen. Wenn das Aufgabeband lief dann liefen
auch die nachfolgenden Maschinen.
Ziemlich am Anfang dieser Frühschicht ertönte mein
Funk-Rufgerät und es wurde mir ein Stillstand der Wäsche gemeldet. Im
Schweinsgalopp machte ich mich auf die Socken zum Leitstand in der Wäsche. Dort
nahm mich unser Vorarbeiter Jürgen mit dem Telefon in der Hand direkt in
Empfang. „Für dich“, der Herr Betriebsführer. „Ja bitte?“, „Jong wat is da in
der Wäsche los?, war seine erste Frage. Ich war noch sehr außer Atem von meinem
Sprint, trotzdem bemühte ich mich ruhig zu klingen und antwortete „ich komme
gerade hier im Leitstand an, aber ich kann noch nicht sagen welche Störung
vorliegt“. „Dann mach mal hinne, ich muss gleich zur Besprechung zum Direktor
und möchte da nicht als Unwissender stehen“. „Ich tue was ich kann, aber dafür
muss ich jetzt erst einmal aufhören zu telefonieren“ antwortete ich und legte
auf.
Jürgen und ich waren gerade dabei die Störmeldungen zu analysieren
(es waren vielleicht 3 Minuten vergangen) da kam der zweite Anruf, nach
weiteren 3 Minuten der nächste und schließlich hatte Jürgen die Schnauze voll.
Er nahm den Plan des Telefonverteilers und brückte die Meldung vom Aufgabeband
was zur Folge hatte, dass der Schreiber beim Betriebsführer nun direkt anzeigte
„Wäsche-Aufgabeband läuft“. Mit dieser (falschen) Information ist er dann zu
seiner Besprechung gegangen.
Mit der nötigen Ruhe und der Reihe nach kamen wir dann auch
relativ schnell auf die Störungsursache und beseitigten sie. Nach ca. 30
Minuten lief die Wäsche wieder.
In der Pause bestellte der Betriebsführer mich in sein Büro.
„Das hast du ja schnell wieder in den Griff bekommen“ lobte er mich um
anschließend in einem gefährlich leisen Ton anzufügen „wenn du noch einmal
versuchen solltest mich zu verarschen wird das Folgen haben, du hast jetzt nur
Glück gehabt, dass die Störung nicht zu lange gedauert hat“. Mit diesen Worten
reichte er mir zwei Rollen von Linienschreibern. Eine Rolle war die von seinem
Linienschreiber im Büro und die andere Rolle war aus dem Linienschreiber in der
Grubenwarte. Störzeit auf seinem Linienschreiber 16 Minuten, Störzeit auf dem
Linienschreiber der Grubenwarte 31 Minuten.
So ein Mist, wir hatten vergessen das Signal zur Grubenwarte
ebenfalls zu brücken und der Betriebsführer war intelligent genug um zu ahnen
was wir gemacht hatten. Als ich bedröppelt aus dem Büro ging konnte ich im
Spiegelbild des Fensters sehen das er trotz allem ein Grinsen nicht verbergen
konnte. Bei späteren Störungen hat er sich dann auch immer in einem
angemessenen Zeitrahmen telefonisch gemeldet.
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